Farbkreis | Homepage | Kontakte |

Goethe und die Farbenlehre

Inhalt:

Nach ca. 40 Jahren der intensiven Arbeit an der Farbenlehre und ca. ¼ Jahr vor seinem Tode vertraute Goethe nach Eckermanns Frage, wie es denn gekommen sei, dass die Farbenlehre sich so wenig verbreite, an: "Sie [die Farbenlehre] ist schwer zu überliefern, denn sie will, wie Sie wissen, nicht bloß gelesen und studiert, sondern sie will getan sein" und fügte in weiser Kenntnis hinzu: "und das hat seine Schwierigkeit."

Um Goethes Farbenlehre sich zu erschließen, ist es tatsächlich unabdingbar, die Farbenlehre nicht nur zu lesen um sie theoretisch nachzuvollziehen, sondern die Versuche, die Goethe akribisch beschreibt, selbst zu erleben. Diese Arbeit hier soll einen kleinen Einblick in den Inhalt, den Aufbau und die Versuche der Farbenlehre Goethes geben und einen Einführungsabend zur Goethes Farbenlehre wiedergeben.
Als Grundvoraussetzung war es erst mal notwendig alles, was aus dem Physikunterricht bekannt ist, gedanklich beiseite zu schieben und sich auf die Gedankenwelt Goethes einzulassen.

"Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Lebt' nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt Göttliches uns entzücken?"

mit diesen einleitendenden Worten zu seiner Farbenlehre in Versform stellt Goethe wohl eine der wichtigsten Fragen in der Auseinandersetzung um den Zugang zum wissenschaftlichen Arbeiten. Und hier ist auch die Auseinandersetzung zwischen dem Newton'schem Weltbild und Goetheanischem Weltbild zu finden. Während Newton durch Versuche mittels Prisma und dunkler Kammer mit Lichtspalt nachzuweisen sucht, dass die Farben im Licht enthalten sind, wehrt sich Goethe heftigst gegen diese Versuche und fragt berechtigt: "Und gehört die Farbe nicht ganz eigentlich dem Gesicht an?", entsteht die Farbe nicht im Auge?

Seitenanfang

Vorab erst einige Stationen aus seiner Biographie:
  • Geburt: 28. August 1749;
    schon als Kind hat Goethe sich der Malerei gewidmet

  • Studium. Leipzig 1765 - 1768 Jura
    Vorlesungen über Poesie bei den berühmten Aufklärern Johann Christoph Gottsched und Christian Fürchtegott Gellert außerdem lernte er Radieren und Kupferstechen und nahm Zeichenunterricht bei Adam Friedrich Oeser

  • Frankfurt 1768 - 1770 Goethe wurde 1768/69 sehr krank.
    Einerseits lernte er in dieser Zeit viel über Mystik durch den Kontakt zu Susanna Katharina von Klettenberg kennen und andererseits wurde sein Interesse für die Erforschung der Natur geweckt durch den Arzt Johann Friedrich Metz.

  • Straßburg, Sesenheim 1770 - 1771 Begegnung mit Herder Ideen der Sturm und Drang Bewegung (Lenz/ Jung- Stilling)

  • Ab 1775 in Weimar

  • Italienreise I:
    Hier wirkten die Farben besonders intensiv auf ihn und er begann erste Studien zu Leonardo da Vinci Werken.

  • Italienreise II (Venedig):
    Französische brgl. Revolution von Anfang an mit Skepsis betrachtet: Sie widersprach seiner Idee von einer allmählichen Entwicklung in Natur und Geschichte. In seinen Dramen Der Groß-Kophta, Der Bürgergeneral, Die Aufgeregten und im Novellenzyklus Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten hat er sich ausdrücklich von gewaltsamem Umsturz als Mittel der Politik distanziert.

  • Goethe war Eidetiker, dass er aber tunlichst preiszugeben vermied. (Eidetiker weisen ein bildhaftes und farbenfrohes Vorstellungsvermögen auf und können sich oft noch Jahre später an bestimmte Bilder fotografisch genau erinnern.)

Seitenanfang


Selbstverständnis Goethes

Goethe, landläufig eher bekannt als der große deutsche Dichter, hat sich sehr eingehend und intensiv mit der Erstellung der Farbenlehre beschäftigt und sie als sein größtes Werk gerühmt. In der autobiografisch konstruierten "Konfession des Verfassers", wohlgemerkt nach den ersten veröffentlichten Arbeiten zur Farbenlehre verfasst, beschreibt Goethe den Weg, wie er zu den "physischen und besonders chromatischen Untersuchungen" gelangt sei und bemängelt besonders die fehlende Anerkennung seiner Zeitgenossen.

"Die Menge mag wohl jemanden irgendein Talent zugestehen, worin er sich tätig bewiesen und wobei das Glück sich ihm nicht abhold gezeigt; will er aber in ein andres Fach übergehen und seine Künste vervielfältigen, so scheint es, als wenn er die Rechte verletze, die er einmal der öffentlichen Meinung über sich eingeräumt, und es werden daher seine Bemühungen in einer neuen Region selten freundlich und gefällig aufgenommen."

Er spielt dabei seine Dichtkunst herunter "...nachdem ich es jahrelang im stillen ausgebildet, endlich auf einmal, gleichsam aus dem Stegreife und gewissermaßen instinktartig, auf das Papier fixierte" und ist auf der Suche nach einem "würdigen Gegenstand", den er in der bildenden Kunst finden will.

Da er aber frühzeitig bemerkte, dass er keine "natürliche Anlage zur bildenden Kunst" gewahr wird, suchte er um so mehr nach "Gesetzen und Regeln nun". Er wandte sich dem Technischen der Malerei zu und versprach sich von einer Reise nach Italien etwas Befriedigendes.
Hier erkannte er: "...dass ich von Grund aus anfangen müsse, alles bisher Gewähnte wegzuwerfen und das Wahre in seinen einfachsten Elementen aufzusuchen".

Goethe erwähnt u.a. hierin, dass er auf der Akademie Physikvorträgen und entsprechenden Experimenten beigewohnt hat (Prof. der Physik an der Uni Leipzig - Johann Heinrich Winckler (1703-1770))

Um physikalische und insbesondere optische Experimente nachvollziehen zu können, lieh er sich Prismen von Hofrat Büttner ( Natur- und Sprachforscher, Prof. der Philosophie in Göttingen) aus, erst als dieser die Prismen zurückforderte, und er einen schnellen Blick durch das Prisma warf, wäre ihm sofort klar gewesen: "Es bedurfte keiner langen Überlegung, so erkannte ich, dass eine Grenze [Hell/Dunkel] notwendig sei, um Farben hervorzubringen, und ich sprach wie durch einen Instinkt sogleich vor mich laut aus, dass die Newtonische Lehre falsch sei."

Wichtig erscheint noch, dass er selbst drei Punkte anmerkte , die ihm schädlich seien :" Erstlich hatte ich mein kleines Heft: Beiträge zur Optik, betitelt. Hätte ich Chromatik gesagt, so wäre es unverfänglicher gewesen....Zweitens hatte ich, zwar nur ganz leise, angedeutet, dass ich die Newtonische Theorie nicht zulänglich hielte, die vorgetragenen Phänomene zu erklären... Da ich in dem Wahn stand, denen, die sich mit Naturwissenschaften abgeben, sei es um die Phänomene zu tun, so gesellte ich, wie zum ersten Stücke meiner Beiträge ein Paket Karten, so zum zweiten eine Foliotafel, auf welcher alle Fälle von hellen, dunkeln und farbigen Flächen und Bildern dergestalt angebracht waren, dass man sie nur vor sich hinstellen, durch ein Prisma betrachten durfte, um alles, wovon in dem Hefte die Rede war, sogleich gewahr zu werden. Al lein diese Vorsorge war gerade der Sache hinderlich und der dritte Fehler, den ich beging."

Goethe hatte sich zur damaligen Zeit nicht nur mit Kritikern seiner Farbenlehre auseinanderzusetzen, sondern er erhielt auch Unterstützung und diese nicht nur bei Malern der Zeit. Selbst in adligen Kreisen fand er Mäzene. Dankbar für den Beistand würdigte er : Herzog Karl August von Sachsen Weimar, Herzog Ernst II von Sachsen Coburg und Gotha, Karl Theodor Anton Maria Freiherr von Dahlberg, Justus Christian Loder, Samuel Thomas von Sömmering. Johann Friedrich August Göttling, Friedrich August Wolf, Georg Forster, Friedrich Wilhelm Schelling, Georg Christoph Lichtenberg, Friedrich Schiller, Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar, Heinrich Meyer, Angelika Kaufmann


Seitenanfang

Die Farbenlehre gliedert Goethe im Vorwort zur Farbenlehre in drei Teile:
  1. Der erste Teil gibt den Entwurf einer Farbenlehre mit vielen Versuchsbeschreibungen, die in Paragraphen zusammengefasst sind.

    Dieser Teil gliedert sich wiederum in drei Teile:

    1. Physiologische Farben: Farben die "dem Auge angehören"

    2. physischen Farben: "durch Mittel sichtbar"

    3. chemische Farben: Farben der Gegenstände, nicht flüchtig

  2. Der zweite Teil enthält die Auseinandersetzung mit Newtons Theorie (Polemik) und die 6 Punkte der Kritik an Newtons Wissenschaft

  3. Der dritte Teil enthält die historischen Untersuchungen und Vorarbeiten

In seiner Einleitung zur Farbenlehre schreibt Goethe: "Die Lust zum Wissen wird bei dem Menschen zuerst dadurch angeregt, dass er bedeutende Phänomene gewahr wird, die seine Aufmerksamkeit an sich ziehen. Damit nun diese dauernd bleibe, so muss sich eine innigere Teilnahme finden, die uns nach und nach mit den Gegenständen bekannter macht. Alsdann bemerken wir erst eine große Mannigfaltigkeit, die uns als Menge entgegendringt. Wir sind genötigt zu sondern, zu unterscheiden und wieder zusammenzustellen, wodurch zuletzt eine Ordnung entsteht, die sich mit mehr oder weniger Zufriedenheit übersehen lässt." Weiter bemerkt er: "Schreiten wir nun in Erinnerung dessen, was wir oben vorwortlich beigebracht, weitet vor. Dort setzten wir das Licht als anerkannt voraus, hier tun wir ein Gleiches mit dem Auge. Wir sagten: die ganze Natur offenbare sich durch die Farbe dem Sinne des Auges. Nunmehr behaupten wir, wenn es auch einigermaßen sonderbar klingen mag, dass das Auge keine Form sehe, indem Hell, Dunkel und Farbe zusammen allein dasjenige ausmachen, was den Gegenstand vom Gegenstand, die Teile des Gegenstandes voneinander fürs Auge unterscheidet. Und so erbauen wir aus diesen dreien die sichtbare Welt und machen dadurch zugleich die Malerei möglich, welche auf der Tafel eine weit vollkommner sichtbare Welt, als die wirkliche sein kann, hervorzubringen vermag."

Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken.

Die ionische Schule behauptet: nur von Gleichem werde Gleiches erkannt - hier könnte die Quelle Goethes Anschauungen zu finden sein.

Seitenanfang


Physiologische Farben

Was versteht Goethe unter Farbe?

"Die Farbe sei ein elementares Naturphänomen für den Sinn des Auges, das sich, wie die übrigen alle, durch Trennung und Gegensatz, durch Mischung und Vereinigung, durch Erhöhung und Neutralisation, durch Mitteilung und Verteilung und so weiter manifestiert und unter diesen allgemeinen Naturformeln am besten angeschaut und begriffen werden kann."

1. Prinzip der Polarität:

Für Goethe ist das Prinzip der Polarität ein wesentlicher Begriff seiner Weltanschauung: "So mannigfaltig, so verwickelt und unverständlich uns oft diese Sprache scheinen mag, so bleiben doch ihre Elemente immer dieselbigen. Mit leisem Gewicht und Gegengewicht wägt die Natur sich hin und her, und so entsteht ein Hüben und Drüben, ein Oben und Unten, ein Zuvor und Hernach, wodurch alle die Erscheinungen bedingt sind, die uns im Raum und in der Zeit entgegentreten. .... Indem man aber jenes Gewicht und Gegengewicht von ungleicher Wirkung zu finden glaubt, so hat man auch dieses Verhältnis zu bezeichnen versucht. Man hat ein Mehr und ein Weniger, ein Wirken ein Widerstreben, ein Tun ein Leiden, ein Vordringendes ein Zurückhaltendes, ein Heftiges ein Mäßigendes, ein Männliches ein Weibliches überall bemerkt und genannt; und so entsteht eine Sprache, eine Symbolik, die man auf ähnliche Fälle als Gleichnis, als nahverwandten Ausdruck, als unmittelbar passendes Wort anwenden und benutzen mag."

Licht und Finsternis zum Auge Dunkelheit / Schwarz ist eine Empfindung des nicht leuchtenden Körpers (Steiner zitiert Helmholtz)

1.1. Dunkel Zustand Auge - "Organ in höchster Abspannung"

1.2. Helligkeit Zustand Auge - "Organ in höchster Anspannung"

Versuch Hell / Dunkel

Unser erster Versuch, um den Empfindungen nachzuspüren, war ganz simpel: Licht ausschalten, das Auge entspannte sich. Das Licht darauffolgend wieder einzuschalten hatte zur Folge, dass die Lieder zusammengekniffen wurden und das Auge in "Anspannung" versetzt wird.

Versuch Schwarz / Weiß

Schwarz lässt Dinge kleiner erscheinen


Weiß lässt Dinge größer erscheinen

2. Mischung von Grauabstufungen aus Schwarz / Weiß

Graue Flächen und Bilder zum Auge

Schwarze Bilder vor grauer Fläche / helle Bilder vor grauer Fläche
Das rechte graue Rechteck hat vor beiden grauen Hintergründen den gleichen Farbcode.


3. Farbige Nach-Bilder

An dieser Stelle haben wir die Präsentation von Dr. S. Bleecken nachempfunden.

4. Farbige Schatten
Ganz zart ist hier der Blaue Schatten, den die helle Kerze wirft zu erkennen.

Seitenanfang

Physische Farben

"Physische Farben nennen wir diejenigen, zu deren Hervorbringung gewisse materielle Mittel nötig sind, welche aber selbst keine Farbe haben und teils durchsichtig, teils trüb und durchscheinend, teils völlig undurchsichtig sein können. Dergleichen Farben werden also in unserm Auge durch solche äußere bestimmte Anlässe erzeugt, oder, wenn sie schon auf irgend eine Weise außer uns erzeugt sind, in unser Auge zurückgeworfen. Ob wir nun schon hierdurch denselben eine Art von Objektivität zuschreiben, so bleibt doch das Vorübergehende, Nichtfestzuhaltende meistens ihr Kennzeichen...Sie schließen sich unmittelbar an die physiologischen an, und scheinen nur um einen geringen Grad mehr Realität zu haben."

Versuche mit Prisma und farbigen Rändern an Schwarz / Weiß

Deutlich zeichnen sich beim Blick durch das Prisma die farbigen Ränder an den Grenzen von Hell/Dunkel ab.

Seitenanfang

Chemische Farben

"So nennen wir diejenigen, welche wir an gewissen Körpern erregen, mehr oder weniger fixieren, an ihnen steigern, von ihnen wieder wegnehmen und andern Körpern mitteilen können, denen wir denn auch deshalb eine gewisse immanente Eigenschaft zuschreiben. Die Dauer ist meist ihr Kennzeichen."

Stufenbild

Das Stufenbild ist durch Übereinanderfalten von gelbem Pergamentpapier und gegen eine Lichtquelle haltend entstanden.( In Abwandlung seines Versuches zum Stufenbecken)

Seitenanfang

Literaturquellen:

Nora Löbe; Ingo Ross: Goethes Farbenlehre Band I Kommentierte Studienausgabe; Udeis Verlag; Erste Auflage; ISBN: 3-933499-10-0

Johann Wolfgang v.Goethe: Farbenlehre; Ungekürzte Ausgabe 5 Bände; Einleitung und Erläuterungen von R. Steiner; Verlag Freies Geistesleben; ISBN: 3-7725-0593-7

Reinhold Sölch: Die Evolution der Farbe Goethes Farbenlehre in neuem Licht; Ravensburger Verlag; ISBN: ISBN 3-363-00699-3

Ausstellung zu Goethes Farbenlehre; Ernst-Abbe-Bücherei Jena 2002; CD-ROM Präsentation von Dr.S.Bleecken

http://www.goethe-mobil.de/Weltanschauung.htm
http://www.fh-lueneburg.de/u1/gym03/expo/jonatur/auffassu/glaube/goethefa.htm
http://www.goethes-farbenlehre.com/Goethe-Jahrbuch.htm
http://www.colorsystem.com/grundlagen/aad.htm
http://www.beta45.de/farbcodes/theorie/goethe.html Goethes Farbenlehre (entstanden von 1791-1832)
http://www.culture.hu-berlin.de/sp/SS_97/Echterhoelter/Echterhoelter.html
Der Augenblick des Sammlers - Goethes Naturbetrachtungen
http://www.farbenlehre.com/goethe/WeitereInfos.htm neue Erkenntnisse über Goethes Farbenlehre
http://www.physik.fu-berlin.de/~hamprech/Goethe_Nostalgie.htm
"Goethe und kein Ende"
http://www.uni-bielefeld.de/ZIF/Publikationen/96-4-Mausfeld.pdf "Wäre das Auge nicht sonnenhaft"
http://www.ub.rug.nl/eldoc/dis/arts/r.j.kaus/c3.pdf Die Aktualität des Streites um Goethes Faarbenlehre
http://www.farbenlehre.com/goethe/Datierung/rupprecht-matthaei-maengel.htm
http://www.interconnections.de/cgi-bin/db_site_idw.cgi/site_1281/id_3305/dertag_2004-03-22
http://www.ub.rug.nl/eldoc/dis/arts/r.j.kaus/c3.pdf Die Aktualität des Streits um Goethes Farbenlehre
http://philoscience.unibe.ch/bernstudies/dokumente/leseprobe.pdf Theorie und Experiment Newton vs. Goethe
http://www.eugwiss.hdk-berlin.de/schmid/diss/II.4.html#1 Goethe und das subjektive Sehen, Auseinandersetzung Helmholtz / Goethe
http://www.operone.de/spruch/zit/z051.htm


Seitenanfang