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Nach ca. 40 Jahren der intensiven Arbeit an der Farbenlehre und ca. ¼ Jahr vor seinem Tode vertraute Goethe nach Eckermanns Frage, wie es denn gekommen sei, dass die Farbenlehre sich so wenig verbreite, an: "Sie [die Farbenlehre] ist schwer zu überliefern, denn sie will, wie Sie wissen, nicht bloß gelesen und studiert, sondern sie will getan sein" und fügte in weiser Kenntnis hinzu: "und das hat seine Schwierigkeit."
Um Goethes Farbenlehre sich zu erschließen, ist es tatsächlich unabdingbar, die Farbenlehre nicht nur zu
lesen um sie theoretisch nachzuvollziehen, sondern die Versuche, die Goethe akribisch beschreibt, selbst zu
erleben. Diese Arbeit hier soll einen kleinen Einblick in den Inhalt, den Aufbau und die Versuche der Farbenlehre
Goethes geben und einen Einführungsabend zur Goethes Farbenlehre wiedergeben.
"Wär nicht das Auge sonnenhaft, mit diesen einleitendenden Worten zu seiner Farbenlehre in Versform stellt Goethe wohl eine der wichtigsten Fragen in der Auseinandersetzung um den Zugang zum wissenschaftlichen Arbeiten. Und hier ist auch die Auseinandersetzung zwischen dem Newton'schem Weltbild und Goetheanischem Weltbild zu finden. Während Newton durch Versuche mittels Prisma und dunkler Kammer mit Lichtspalt nachzuweisen sucht, dass die Farben im Licht enthalten sind, wehrt sich Goethe heftigst gegen diese Versuche und fragt berechtigt: "Und gehört die Farbe nicht ganz eigentlich dem Gesicht an?", entsteht die Farbe nicht im Auge? Vorab erst einige Stationen aus seiner Biographie:
Selbstverständnis Goethes
"Die Menge mag wohl jemanden irgendein Talent zugestehen, worin er sich tätig bewiesen und wobei das Glück sich ihm nicht abhold gezeigt; will er aber in ein andres Fach übergehen und seine Künste vervielfältigen, so scheint es, als wenn er die Rechte verletze, die er einmal der öffentlichen Meinung über sich eingeräumt, und es werden daher seine Bemühungen in einer neuen Region selten freundlich und gefällig aufgenommen." Er spielt dabei seine Dichtkunst herunter "...nachdem ich es jahrelang im stillen ausgebildet, endlich auf einmal, gleichsam aus dem Stegreife und gewissermaßen instinktartig, auf das Papier fixierte" und ist auf der Suche nach einem "würdigen Gegenstand", den er in der bildenden Kunst finden will.
Da er aber frühzeitig bemerkte, dass er keine "natürliche Anlage zur bildenden Kunst"
gewahr wird, suchte er um so mehr nach "Gesetzen und Regeln nun". Er wandte sich dem Technischen
der Malerei zu und versprach sich von einer Reise nach Italien etwas Befriedigendes. Goethe erwähnt u.a. hierin, dass er auf der Akademie Physikvorträgen und entsprechenden Experimenten beigewohnt hat (Prof. der Physik an der Uni Leipzig - Johann Heinrich Winckler (1703-1770)) Um physikalische und insbesondere optische Experimente nachvollziehen zu können, lieh er sich Prismen von Hofrat Büttner ( Natur- und Sprachforscher, Prof. der Philosophie in Göttingen) aus, erst als dieser die Prismen zurückforderte, und er einen schnellen Blick durch das Prisma warf, wäre ihm sofort klar gewesen: "Es bedurfte keiner langen Überlegung, so erkannte ich, dass eine Grenze [Hell/Dunkel] notwendig sei, um Farben hervorzubringen, und ich sprach wie durch einen Instinkt sogleich vor mich laut aus, dass die Newtonische Lehre falsch sei." Wichtig erscheint noch, dass er selbst drei Punkte anmerkte , die ihm schädlich seien :" Erstlich hatte ich mein kleines Heft: Beiträge zur Optik, betitelt. Hätte ich Chromatik gesagt, so wäre es unverfänglicher gewesen....Zweitens hatte ich, zwar nur ganz leise, angedeutet, dass ich die Newtonische Theorie nicht zulänglich hielte, die vorgetragenen Phänomene zu erklären... Da ich in dem Wahn stand, denen, die sich mit Naturwissenschaften abgeben, sei es um die Phänomene zu tun, so gesellte ich, wie zum ersten Stücke meiner Beiträge ein Paket Karten, so zum zweiten eine Foliotafel, auf welcher alle Fälle von hellen, dunkeln und farbigen Flächen und Bildern dergestalt angebracht waren, dass man sie nur vor sich hinstellen, durch ein Prisma betrachten durfte, um alles, wovon in dem Hefte die Rede war, sogleich gewahr zu werden. Al lein diese Vorsorge war gerade der Sache hinderlich und der dritte Fehler, den ich beging." Goethe hatte sich zur damaligen Zeit nicht nur mit Kritikern seiner Farbenlehre auseinanderzusetzen, sondern er erhielt auch Unterstützung und diese nicht nur bei Malern der Zeit. Selbst in adligen Kreisen fand er Mäzene. Dankbar für den Beistand würdigte er : Herzog Karl August von Sachsen Weimar, Herzog Ernst II von Sachsen Coburg und Gotha, Karl Theodor Anton Maria Freiherr von Dahlberg, Justus Christian Loder, Samuel Thomas von Sömmering. Johann Friedrich August Göttling, Friedrich August Wolf, Georg Forster, Friedrich Wilhelm Schelling, Georg Christoph Lichtenberg, Friedrich Schiller, Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar, Heinrich Meyer, Angelika Kaufmann Die Farbenlehre gliedert Goethe im Vorwort zur Farbenlehre in drei Teile:
In seiner Einleitung zur Farbenlehre schreibt Goethe: "Die Lust zum Wissen wird bei dem Menschen zuerst dadurch angeregt, dass er bedeutende Phänomene gewahr wird, die seine Aufmerksamkeit an sich ziehen. Damit nun diese dauernd bleibe, so muss sich eine innigere Teilnahme finden, die uns nach und nach mit den Gegenständen bekannter macht. Alsdann bemerken wir erst eine große Mannigfaltigkeit, die uns als Menge entgegendringt. Wir sind genötigt zu sondern, zu unterscheiden und wieder zusammenzustellen, wodurch zuletzt eine Ordnung entsteht, die sich mit mehr oder weniger Zufriedenheit übersehen lässt." Weiter bemerkt er: "Schreiten wir nun in Erinnerung dessen, was wir oben vorwortlich beigebracht, weitet vor. Dort setzten wir das Licht als anerkannt voraus, hier tun wir ein Gleiches mit dem Auge. Wir sagten: die ganze Natur offenbare sich durch die Farbe dem Sinne des Auges. Nunmehr behaupten wir, wenn es auch einigermaßen sonderbar klingen mag, dass das Auge keine Form sehe, indem Hell, Dunkel und Farbe zusammen allein dasjenige ausmachen, was den Gegenstand vom Gegenstand, die Teile des Gegenstandes voneinander fürs Auge unterscheidet. Und so erbauen wir aus diesen dreien die sichtbare Welt und machen dadurch zugleich die Malerei möglich, welche auf der Tafel eine weit vollkommner sichtbare Welt, als die wirkliche sein kann, hervorzubringen vermag." Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken.Die ionische Schule behauptet: nur von Gleichem werde Gleiches erkannt - hier könnte die Quelle Goethes Anschauungen zu finden sein. Physiologische Farben Was versteht Goethe unter Farbe? "Die Farbe sei ein elementares Naturphänomen für den Sinn des Auges, das sich, wie die übrigen alle, durch Trennung und Gegensatz, durch Mischung und Vereinigung, durch Erhöhung und Neutralisation, durch Mitteilung und Verteilung und so weiter manifestiert und unter diesen allgemeinen Naturformeln am besten angeschaut und begriffen werden kann." 1. Prinzip der Polarität:Für Goethe ist das Prinzip der Polarität ein wesentlicher Begriff seiner Weltanschauung: "So mannigfaltig, so verwickelt und unverständlich uns oft diese Sprache scheinen mag, so bleiben doch ihre Elemente immer dieselbigen. Mit leisem Gewicht und Gegengewicht wägt die Natur sich hin und her, und so entsteht ein Hüben und Drüben, ein Oben und Unten, ein Zuvor und Hernach, wodurch alle die Erscheinungen bedingt sind, die uns im Raum und in der Zeit entgegentreten. .... Indem man aber jenes Gewicht und Gegengewicht von ungleicher Wirkung zu finden glaubt, so hat man auch dieses Verhältnis zu bezeichnen versucht. Man hat ein Mehr und ein Weniger, ein Wirken ein Widerstreben, ein Tun ein Leiden, ein Vordringendes ein Zurückhaltendes, ein Heftiges ein Mäßigendes, ein Männliches ein Weibliches überall bemerkt und genannt; und so entsteht eine Sprache, eine Symbolik, die man auf ähnliche Fälle als Gleichnis, als nahverwandten Ausdruck, als unmittelbar passendes Wort anwenden und benutzen mag." Licht und Finsternis zum Auge Dunkelheit / Schwarz ist eine Empfindung des nicht leuchtenden Körpers (Steiner zitiert Helmholtz) 1.1. Dunkel Zustand Auge - "Organ in höchster Abspannung"1.2. Helligkeit Zustand Auge - "Organ in höchster Anspannung" Versuch Hell / Dunkel Unser erster Versuch, um den Empfindungen nachzuspüren, war ganz simpel: Licht ausschalten, das Auge entspannte sich. Das Licht darauffolgend wieder einzuschalten hatte zur Folge, dass die Lieder zusammengekniffen wurden und das Auge in "Anspannung" versetzt wird. Versuch Schwarz / Weiß
2. Mischung von Grauabstufungen aus Schwarz / Weiß
"Physische Farben nennen wir diejenigen, zu deren Hervorbringung gewisse materielle Mittel nötig sind, welche aber selbst keine Farbe haben und teils durchsichtig, teils trüb und durchscheinend, teils völlig undurchsichtig sein können. Dergleichen Farben werden also in unserm Auge durch solche äußere bestimmte Anlässe erzeugt, oder, wenn sie schon auf irgend eine Weise außer uns erzeugt sind, in unser Auge zurückgeworfen. Ob wir nun schon hierdurch denselben eine Art von Objektivität zuschreiben, so bleibt doch das Vorübergehende, Nichtfestzuhaltende meistens ihr Kennzeichen...Sie schließen sich unmittelbar an die physiologischen an, und scheinen nur um einen geringen Grad mehr Realität zu haben." Versuche mit Prisma und farbigen Rändern an Schwarz / Weiß
"So nennen wir diejenigen, welche wir an gewissen Körpern erregen, mehr oder weniger fixieren, an ihnen steigern, von ihnen wieder wegnehmen und andern Körpern mitteilen können, denen wir denn auch deshalb eine gewisse immanente Eigenschaft zuschreiben. Die Dauer ist meist ihr Kennzeichen."
Nora Löbe; Ingo Ross: Goethes Farbenlehre Band I Kommentierte Studienausgabe; Udeis Verlag; Erste Auflage;
ISBN: 3-933499-10-0 |